| revolution of the people |
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| 29. 01. 2011 |
Schauerlich faszinierend wie rasch Entwicklungen möglich sind. Ich habe seit dem Umbruch in Tunesien erwartet, dass die arabische Welt sich daran anstecken wird.
Menschen aus allen Bereichen und allen Schichten, jenseits aller Religionszugehörigkeit und sozialem Status, angetrieben von dem Wunsch eines Regimewechsels, aber nicht angeführt, sondern eine vernetzte Facebook-, Twitter- und Blogger-Generation. Das ist etwas völlig Neues.
Oft habe ich mir die Frage gestellt, was letztlich passieren muss, damit sich die Menschen von der Couch bewegen und rebellieren.
Eine Frage, die man sich als denkender und fragender Mensch, vor allem in den letzten Monaten immer häufiger stellt. Was dient als Zündfunke für einen nationalen Aufruhr? Ist es eine lang aufgestaute und unbefriedigende wirtschaftliche und soziale Lage, die jeden Einzelnen in seinem Leben betroffen macht? Erst die Not am eigenen Leib zu erfahren und aus dieser Betroffenheit dann aufzustehen? Ist es die große Not, die das Bedürfnis so stark werden lässt, dass selbst weiteres Leid und Verlust in Kauf genommen wird in der Hoffnung auf Besserung? Not, resultierend aus Mangel an Arbeit, niedriger Löhne, hoher Armut und Korruption? Ist es das kooperative Gen, das eine Gruppe rasch zu einer Masse anschwellen lässt? Was ist es schlussendlich?
Angesichts der aktuellen Situation kann man fast zu der Erkenntnis kommen, dass es absolut unnötig ist, rational erklärbare Szenarien zu kreieren. Es scheint, dass es einfach geschieht, ohne dass es die Beteiligten selbst wirklich wussten.
Dies ist keine inszenierte Medienmaschinerie. Es ist ein Selbstläufer. Das ist das bemerkenswerte. Es ist eine geleitete Bewegung aber ohne Führung. Es eint sie die Wut über die immer katastrophaleren, menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen und das lähmende, korrupte und autoritäre Regime und keine Meinungsfreiheit.
Gefühle machen Geschichte. Sie sind die Motoren der Geschichte. Vor allem die Wut. Wut ist die Signatur der Geschichte seit der Antike. „Wutbürger“ wurde als das Wort des Jahres 2010 gewählt, mit der Begründung, dass es der Empörung in der Bevölkerung Ausdruck verleiht, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden. Mir scheint, das war eine vorausschauende Entscheidung.
Die Ideologie einer Zeit entspricht nicht unbedingt den Taten, die der Historiker erfindet. Ein Historiker ist ein Pathologe, der sich mit Abnormalitäten der Zeitgesellschaft beschäftigt und ihr dadurch Bedeutung zumisst. Gefühlshistoriker werden über diese Tage zu berichten wissen und eine Zuschreibung dieser Epoche vergeben. Aber Wut ist mehr, als eine selbstinszenierte Ideologie, um von den eigenen Untätigkeiten und Antriebslosigkeiten abzulenken!
Auch der "Pharao" hatte nicht erkannt, dass sich im eigenen Land vor allem in den vergangenen Monaten eine neue Generation Unzufriedener organisierte. Es geht um ihre Zukunft. Die Revolution in Tunesien hat nun der ägyptischen Bevölkerung die Angst genommen. Die Demonstrationen in Ägypten lassen das Entstehen einer neuen politischen Kraft erahnen.
Die zusehende Welt hält sich alle Türen offen und feilt im Hintergrund an verschiedenen Optionen. Das unsichere Gestottere war in den ersten Erklärungen im TV zu sehen. Floskeln mit wenig Inhalt. Informationsfreiheit und Meinungsfreiheit wird eingemahnt und auf Menschenrechte wird hingewiesen.
Auch wenn Obama in seiner Rede 2009 in Kairo das Wort Demokratie in den Mund nahm, so war es damals wohl nur nette Rhetorik zu einem Zeitpunkt, wo niemand gegen das undemokratische Regime eines Verbündeten der USA rebellierte.
Wohl wird jetzt in hochtourigen Verhandlungen zwischen Mubarak und der militärischen Spitze in Ägypten an der Zukunft des Landes, unter Berücksichtigung des komplexen Geflechtes der ganzen Region, gefeilt.
Und wie werden die Vertreter unserer industrialisierten Welt auf die Gefahr der Ölknappheit und die Auswirkungen auf den Mittleren Osten reagieren? Gibt es für diese überraschende Entwicklung Pläne in den Schubladen? Die Szenen spielen sich in unmittelbarer Nachbarschaft einer der wichtigsten internationalen Schiffwege ab. Schuldendruck, Beseitigung der Machthaber und zuletzt Militäreinsatz sind bewährte Mittel, um ungewünschte Situationen in einem Land zu ändern. Es war derzeit wohl nicht gewünscht, die seit Jahrzehnten anhaltende Form der Kooperation mit Ägypten zu ändern. Die Demonstrationen machen hier einen gewaltigen Strich durch diese Rechnung.
Mittlerweile protestiert auch Jordanien auf der Straße, während die Revolution in Tunesien ebenfalls noch im Gange ist. Die Ursachen sind alle vergleichbar. Verbogene Liebeleien mit den sogenannten befreunden Staaten die seit Jahrzehnten auf Kosten der Menschen gehen. Korrumpierte zwischenstaatliche Partnerschaften, die aus lügnerischer Motivation gebildet werden, bleiben nicht ohne Wirkungen. Irgendwann wird eben die Not zu groß. Das ist das, was wir jetzt miterleben. Menschen wollen Klarheit für ihr Leben. Klarheit wo die Reise hingeht. Leben muss man das Leben vorwärts. Und genau das machen die Demonstranten jetzt.
Zeitgleich in Davos das Treffen der vermeintlichen Elite der Weltwirtschaft. Oder eher der Gipfel der Ratlosen. Darf man mehr erwarten als viel heiße Luft und Geblubber in der Ideenküche? Was soll aus einer Hundertschaft internationaler Alphatiere aus Wirtschaft und Politik großartiges entstehen? Eine Zahl von Leuten, die sich an verschiedenen Schauplätzen der Weltwirtschaft jeweils bestens auskennen, nimmt sich am Ende zumindest ein paar neue Erkenntnisse und Geschäftskontakte mit nach Hause. Immerhin kann der Teilnehmer sich einbilden, dass die Welt durch ihn ein Stückchen besser geworden ist.
Die Aura der Banker und Lenker ist allerdings dahin. Die Risse in den Netzwerken der Globalisierung sind unübersehbar. Der andauernde Weltfinanzcrash verursachte bei den alten Eliten und Institutionen Vertrauensverlust.
Die G20 sind zu einer weiteren Standardnummer im alljährlichen Gipfelzirkus geworden. Die EU, die ein Abguss für die Welt sein will, bemüht sich, ihre Schuldenkrise zu entspannen und den Zerfall des großen Euro-Projekts abzuwenden. Und die G8 zeigt sich als jene Gruppe von Staaten, die die größten multinationalen Konzerne repräsentieren. Der Zweifel an der globalen Elite wächst von Tag zu Tag.
Man stellt sich die Frage, ob die feine Gipfelgesellschaft womöglich ein Teil des Problems ist? Und ob der selbstgerechte Anspruch der dort versammelten Reichen und Mächtigen vielleicht alles verschlimmert? Meine verständnisvolle Meinung ist, die Eliten der Welt sind derzeit schlicht überfordert. Wir betreten Neuland, die alten Theorien helfen nicht mehr weiter. Etablierte Ökonomen stürzen in eine Sinnkrise und das gibt unkonventionellen Vordenkern neuen Auftrieb.
Die tröstenden und tricksenden Nobelpreisökonomen und neunmalklugen Millionen-CEOs, die schnatternden Wissenschaftler und schimpfenden Politiker - keiner von ihnen versteht die Welt, in der wir leben, wirklich. Die US-Wirtschaft hat ihre Sorglosigkeit beendet. Keine lautstarken Erklärungen mehr, keine Empfehlung des eigenen Weges. Plötzlich ist es überall gleich schlecht. Das Jammern der Staaten ist jetzt fast unisono. Es scheint, was wir derzeit erleben ist, dass das Leben schneller auf uns zukommt als wir darauf vorbereitet sind. Das ist die neue Normalität.
Mag sein, dass aus Sorge, dass an der New Yorker Rohstoffbörse der Ölpreis noch rascher ansteigen könnte, die zuschauenden Staaten und Institutionen zurückhaltend agieren. Die Ölbranche bangt sicher schon um eine Sperrung des Suez-Kanals für Tanker. Beobachter befürchten, dass es zu einem Dominoeffekt kommen und die Erdölförderung in der ganzen Region beeinträchtigt werden könnte. Natürlich wird es zu Engpässen der Öllieferung kommen, wenn die Situation auch in Jordanien, Libyen und Algerien etc. eskaliert. Die Frage, die sich vor allem für die bisherigen Partner Ägyptens stellt ist, sind die Konsequenzen auf die eigenen ökonomischen Interessen bei Einflussnahme größer oder kleiner.
Ist der Funke erst entzündet, kann nichts mehr die Inspiration der Menschen aufhalten. Das Aufbegehren der breiten Basis als Kollektiv ist die einzige ungebremste Macht. Das mächtigste System.
Das beruhigende in der stetigen Veränderung um uns herum ist die Erkenntnis, dass wir jeden Tag aufs Neue das Ende der Welt erleben, wie wir sie kannten.
In diesem Sinne…
Ihre Diana Ljubic |




Schauerlich faszinierend wie rasch Entwicklungen möglich sind. Ich habe seit dem Umbruch in Tunesien erwartet, dass die arabische Welt sich daran anstecken wird.







Kommentare
Zu Deiner Bemerkung über die Möchtegern Mächtigen der Welt kann ich nur sagen, dass ich der Meinung bin, dass diese Entwicklung zum Teil gelenkt, zum Teil gefürchtet ist.
Bleibt noch abzuwarten, wann die Menschen in Europa erwachen, denn allzulange kann es auch hier nicht mehr dauern, bis der Leidensdruck des ständig verarscht werdens zu groß wird.
Beste Grüße und auf eine positive Zukunft für alle!
August
tief bist Du eingetaucht in die Situation der Welt. „Staunend, wie ein Bezauberter“ lese ich Deine Zeilen. Solche Artikel machen andere Medien mit Ihren fettgedruckten Luftbuchstaben unnötig. Danke Dir! Viele Deine Sätze sind so prägend, daß ich beim Lesen kurz innehalten muß. „Gefühle machen Geschichte. Sie sind die Motoren der Geschichte.“ Diese kollektiven Gefühle lassen Felder entstehen, die keine Macht der Welt mehr auslöschen kann. Ich bin ganz Deiner Meinung: „Das beruhigende in der stetigen Veränderung um uns herum ist die Erkenntnis, dass wir jeden Tag aufs Neue das Ende der Welt erleben, wie wir sie kannten.“ Unsere Generation hat eine Welt übernommen und die Reichtümer schlecht verwaltet. Wir haben nichts Bedeutungsvolles wirklich vermehrt und wir haben vor allem unseren geerbten Reichtum nicht geteilt. Wahrscheinlich wird uns viel von dem genommen, was wir lieb gewonnen haben. Und wahrscheinlich ist das der größte und wichtigste Befreiungsschlag des Lebens, der uns erst den nächsten Schritt in unserer Entwicklung frei geben wird. Wir können entspannt die vorvorletzten Zuckungen des Kapitalismus beobachten und die Augenblicke des Entstehens des neuen, zukunftsweisenden Systems, freudig mit erleben. Die wichtigste Aufgabe wird es sein, die Demokratie in die neue Zeit zu retten.
Herzliche Grüße, Peter
Alles Liebe, Diana
...bin da voll bei dir, liebe Diana, Frau Kollegin! Gerade eben kam in der ZIB, dass der Ölpreis so hoch steht, wie seit 2008 nicht mehr. Wenn ich im kapitalistischen System denke, dann kämen mir die Proteste in Ägypten nur recht, damit das Öl endlich wieder profitabel wird. Und was kaputt geschlagen wird, darf wieder aufgebaut werden - von Firmen aus demokratischen Systemen, versteht sich. business as usual (Kriege eignen sich zum Akurbeln maroder Volkswirtschaften; 2009 wurden soviele Waffen verkauft wie seit 1939 nicht mehr... wenn ich es richtig im Kopf habe, diese Zahl! Und Deutschland lieferte vergangenes Jahr fleißig Waffen in Mubaraks Regime....).
Demokratie - zumindest die von uns praktizierte Form - kann auch als diktatorischer Geniestreich verstanden werden: derartige Volksaufstände wie in den arabischen Ländern sind in unseren Demokratien nicht möglich. Warum? Bevor der Wutbürger wirklich rebelliert, kann man Neuwahlen ausrufen - zuvor kitzelt man am Volkszorn, wie dies beispielweise in Stuttgart (S21) passierte; vielleicht auch um zu testen, wie weit es um die Wut im Staate steht.
Man sollte sich bewusst sein, dass nicht nur Psychologen über die Manipulationstechniken von Massen und Individuen genau Bescheid wissen, sondern dieses Wissen auch in Politikkreisen (v.a. hier PR, Kommunikations- und Argumentationstraining) bestens bekannt ist.
Mit kurzfristig ausgerufenen Neuwahlen gewinnen die Machthaber Zeit und können beweisen, dass sie "für" das Volk da sind. Das ist auch eine Form von Diktatur, weil die Instrumente der Macht (freie Wahlen) zum Eigennutz für ein paar Wenige geschickt dirigiert werden. In einer Diktatur rebelliert das Volk leichter, und die Antwort darauf ist der brutale Gegenschlag durch Militär oder Polizei (die nennt man dann "Sicherheitskräfte").
...und in wissenschaftlichen Kreisen wird ernsthaft darüber diskutiert, ob denn Demokratien standortfeindlich für den Markt agieren - wegen der "lästigen" Bürgeriniativen und Standortauflagen bei Betriebsansiedelungen. Stichwort: Time is Money. Bedenklich ist, wenn derartige Diskussion von Wirtschaftswissenschaftlern geführt werden, ohne den Einwand ethischen Korrektivs.
Wir gehen definitiv in eine neue Zeit mit neuen Werten, und immer mehr Menschen wachen auf und werden sich der "manipulierten Demokratie" bewusst.
Liebe Kollegin!
Manipulation und kontrollierte Steuerung waren stets dienliche Instrumente. Sei es mit Angst, bewusst "falscher" Information an die Menschen oder anderen Varianten. Ich denke, wir sollten vorwärts sehen, aber wissend über Fehlentwicklungen der Vergangenheit.
Krishnamurti meint:
"Denken ist ein Reagieren aus unserem Hintergrund oder Gedächtnis, und Gedächtnis ist Wissen oder Ergebnis von Erfahrung.
Unser Gedächtnis wird infolge neuer Erfahrungen und Rückwirkungen immer zäher, umfangreicher, schärfer und tüchtiger.
Die Antworten aus unserem Gedächtnis nennen wir Handlungen, während sie doch nichts als Rückwirkungen sind.
Derartiges Handeln erzeugt neue Rückwirkungen, und so entsteht eine Kette sogenannter Ursache und Wirkung. Ist aber die Ursache nicht auch Wirkung? Keine von beiden ist statisch.
Das Heute ist ein Ergebnis von gestern und zugleich die Ursache für morgen: was Ursache war, wird zur Wirkung und umgekehrt - sie fließen ineinander.
Es gibt keinen Augenblick, da eine Ursache nicht gleichzeitig Wirkung ist.
Nur das Spezielle ist in seiner Ursache und damit auch in seiner Wirkung gebunden: die Eichel kann nichts anderes als ein Eichbaum werden.
Im Besonderen liegt der Keim des Todes. Der Mensch ist kein spezialisiertes Wesen in diesem Sinne, er kann werden, was er will.
Er kann seine Bedingtheit durchbrechen - ja, er muss es tun, wenn er die Wirklichkeit finden will. Zeitablauf ist die Vergangenheit, die sich bewegt durch die Gegenwart in die Zukunft, und in solcher Kettenbewegung verläuft unser Denken.
Alles Denken ist ein Ergebnis von Zeit, und nur wenn sein Ablauf zum Stillstand kommt, kann das Unermessliche, Zeitlose in Erscheinung treten.
Stille des Denkens lässt sich weder hervorrufen noch durch Übung oder Schulung herbeiführen.
Wird unser Sinn still gemacht, dann ist das, was darin auftaucht, nur seine eigene Projektion oder eine Reaktion aus dem Gedächtnis.
Doch durch Verständnis für seine Bedingtheit und durch vorurteilsloses Beobachten seiner eigenen Reaktionen als Denken und Fühlen kommt unser Sinn zur Ruhe.
Zeitloses kann niemals aus Zeit geboren werden.
Vergangenheit bedeutet Zeit, die wiederum auch Gegenwart und Zukunft ist. Zeit ist Gedächtnis, Wort und Gedanke. Erst wenn Wort, Name, Gedankenverbindung und Erfahrung nicht mehr bestehen, ist unser Denken zur Ruhe gekommen, und zwar nicht nur in den oberflächlichen Schichten, sondern vollkommen und einheitlich."
Alles Liebe, Diana
www.youtube.com/watch?v=998OytRz4IA
Blogging on the Nile (2007)
Das Beruhigende in der stetigen Veränderung um uns und mit uns und in uns ist die Erkenntnis, dass wir jeden Tag aufs Neue eine neue Welt schaffen - hin zu einer gerechteren Welt zum Wohle aller.
Herzlichst,
Carla
Vielen Dank für Deine Nachricht! Ich freue mich sehr!
Ja, ich habe große Hoffnung, dass die Menschheit diesen Weg zu einer gerechteren Gesellschaft beschreitet.
Wir werden es miterleben dürfen!
Lieben Gruß, Diana
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